Die Generation des elften September.

(find the english version of this text on my tumblr)

1990 wurde ich geboren. Was macht meine Generation aus? Was habe ich mit meinen Altersgenossen gemeinsam, das Leute, die 1980 auf die Welt kamen, nicht haben?

Zu welcher Generation gehöre ich?

Obwohl ich Soziologin bin, die Generation #soundso Verkündungen über die jungen Menschen von heute haben mich nie überzeugt. Es fühlt sich falsch an, Millionen von Menschen mit vollkommen verschiedenen Leben(sumständen) unter einem großen Schlagwort zusammenzufassen, entmenschlichend, zu wenig individuell

Ich hatte nicht das Gefühl, das mein Lebensgefühl durch solche Beschreibungen auf einen passenden Punkt gebracht wird.

Es ist also nicht überraschend, dass meine erste spontane Reaktion auf einen Artikel über die Generation 9/11 war: Nein, das bin ich nicht. Das ist nicht das, was uns auszeichnet und vom Rest unterscheidet.

Wirklich nicht?

Plötzlich holt mich eine Erinnerung ein, von irgendwo ganz hinten im Bewusstsein, so weit hinten, dass sie fast schon vergessen war:

Siebte oder achte Klasse – es muss 2003 gewesen sein: Eine Freundin und ich spätnachmittags in der Mädchenumkleidekabine nach dem Sportunterricht.

An der Wand sind Haartrockner angebracht. Einer von ihnen tickt. Er tickt leise, aber deutlich wahrnehmbar.

Was ist das? Warum tickt dieser Haartrockner?

Erst quatschen wir noch gemütlich, doch nachdem eine von uns das Ticken bemerkt hat, steigern wir uns nach und nach immer mehr in diesen einen Gedanken hinein:

DA MUSS EINE BOMBE IM FÖN SEIN!!1111!!

Wir sehen die Turnhalle in die Luft fliegen, rennen in Unterwäsche aus der Kabine heraus und gehen zu unserem Sportlehrer. Bisher ist nichts explodiert und unser Lehrer lacht uns aus.

Was, wenn das doch eine Bombe ist? Unser Lehrer horcht an dem Haartrockner, greift todesmutig mit seiner Hand in den Fön des Todes – keine Bombe.

Sein spöttisches Lachen wird noch lauter. Das macht nichts, wir sind gerade einfach nur froh, dass wir nicht einer Bombe in der Mädchenumkleide zum Opfer gefallen sind. Langsam weicht das Adrenalin aus unseren Körpern. Es ist dieser Moment nach dem Schreck, in dem die Knie erst so richtig anfangen zu zittern.

Puh, das ist gerade noch mal gut gegangen.

Im Nachhinein: Wie absurd ist denn bitte der Gedanke, dass ein islamistischer Terrorist eine Umkleidekabine in einem deutschen Kleinstadtgymnasium in die Luft jagt?

(Noch dazu 2003, wo Deutschland immerhin nicht aktiv am Irakkrieg teilgenommen hat und deswegen fast so etwas wie einen Bonus bei Islamisten hatte?)

Doch aus der damaligen Position ist das eben nicht absurd: Uns wurde beigebracht, uns zu fürchten. Wir haben gelernt, dass jederzeit irgendwo etwas hochgehen könnte, dass ein Koffer auf einem Bahnsteig nicht einfach nur ein Koffer auf einem Bahnsteig ist, dass ein Mann mit Bart mehr als ein Mann mit Bart sein könnte, dass die Gefahr mitten unter uns ist; dass wir jederzeit in Einzelteile zerrissen werden könnten. Als wären wir im Krieg.

Am 11.09.2001 waren wir zwar noch Kinder, aber wir waren große Kinder.

Wir waren zu jung, um die politischen Vorgänge zu verstehen, aber alt genug, um zu verstehen, dass etwas die Welt erschüttert hatte; alt genug, um ein Gefühl aufzunehmen: Angst.

Diese Angst ist das einzige, was wir vielleicht gemeinsam hatten.

(Oder zumindest einige von uns, denen, die ungefähr 1990 geboren sind.)

Aber ob das schon für eine Generation reicht?


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