Nachhaltigkeit: Wie der Rebound-Effekt dir deine Ökobilanz versaut.

der Rebound-Effekt

Heute möchte ich dir einen ganz, ganz simplen Mechanismus vorstellen, der aber große Auswirkungen haben kann, wenn jemand, versucht, nachhaltig zu leben und zu konsumieren.

In der umweltsoziologischen Literatur schwirrt dieser Mechanismus schon eine Weile umher, doch in der Praxis wird er trotzdem selten bedacht. Das ist meiner Meinung nach schade, weil er wirklich in vielen unterschiedlichen Fällen auftritt. Wenn ich so darüber nachdenke, fallen mir einige Situationen ein, in denen ich selbst in die Falle getappt bin.

Deswegen möchte ich heute mal auf den Rebound-Effekt aufmerksam machen.

Was ist der Rebound-Effekt?

Der Rebound-Effekt lässt sich ganz einfach an einem kleinen Beispiel erklären:

Nehmen wir mal an, du saugst einmal in der Woche mit deinem alten Staubsauger dein Haus. Dieser Staubsauger ist wirklich schon sehr alt, nicht mehr besonders leistungsfähig und vor allem: ein wahrer Stromfresser.

Eines Tages beschließt du, dir einen stromsparenden Staubsauger zu kaufen und besitzt also kurz danach einen neuen Staubsauger der besten Energieklasse, der auch noch viel leiser ist als sein Vorgänger. Der Neue verbraucht ein Drittel weniger Strom. Toll, denkst du, jedes Mal, wenn ich Staub sauge, spare ich ein wenig Energie.

Wenn du jetzt Staub saugst, hast du ein richtig gutes Gefühl und denkst an die Energieklasse. Außerdem ist das neue Gerät ja auch viel leiser, es ist also gar nicht mehr so nervig, Staub zu saugen. Das führt dazu, dass du öfter Staub saugst, als vorher, denn eigentlich hast du es ja schon gerne sauber und irgendwie ist immer Dreck da. Und immerhin hast du ja nun auch einen deutlich energieeffizienteren Staubsauger.

Seitdem du den neuen Staubsauger besitzt, saugst du fortan nicht mehr, wie vorher, einmal in der Woche, sondern ungefähr zwei Mal in der Woche deine Wohnung, dein Zimmer oder dein Haus. (Je nach dem, wie du wohnst.)

Einige Monate später erhältst du deine Stromrechnung und musst feststellen, dass du neuerdings ein ganz klein wenig mehr Strom verbrauchst.

Woher kommt dieser zusätzliche Verbrauch? Er entsteht durch deinen neuen Staubsauger.

Aber wie kann denn das sein? Du hast dir doch eigens ein energiesparendes Gerät zu gelegt, um, wie der Name schon sagt, Energie zu sparen!

Wenn du beim Lesen auf die Zahlen geachtet hast, ist dir  vielleicht aufgefallen, dass der neue Staubsauger in etwa ein Drittel weniger Strom verbraucht, du aber ungefähr doppelt so häufig saugst. Eine Hälfte ist mehr als ein Drittel, das hebt sich also auf! Du verbrauchst zwar beim Saugen selbst weniger Strom, saugst aber dafür viel häufiger und verbrauchst deswegen insgesamt mehr.

Und so hat die an und für sich lobenswerte Idee, durch ein sparsames Gerät weniger zu verbrauchen, am Ende genau das Gegenteil bewirkt. Wärst du mal bloß bei dem alten Krachmacher geblieben!

(Noch gar nicht mit eingerechnet habe ich an dieser Stelle die Energie, die eingesetzt werden muss, um den neuen Staubsauger überhaupt erst zu produzieren und den alten zu verschrotten oder zu recyceln.)

Die Zahlen zum Stromverbrauch und der Saugfrequenz habe ich übrigens frei erfunden. Unabhängig davon, wie oft du saugst, hoffe ich, dass das Prinzip hier klar geworden ist.

Abstrakt ausgedrückt würde ich den Rebound-Effekt so beschreiben: Ein grundsätzlich positiver und tatsächlich umweltfreundlicher Aspekt eines Produkts oder einer Verhaltensweise wird überschätzt führt zu häufigerer Nutzung oder mehr Verbrauch dieser Sache. Das Mehr hebt das Weniger auf und verkehrt die angenommene Wirkung: Rebound. Je nach konkretem Fall kommen dann manchmal noch andere Faktoren hinzu, die den Fall zusätzlich verkomplizieren.

weitere Beispiele für den Rebound-Effekt

  • Du wechselst deinen Duschkopf und hast nun einen Sparkopf, sodass du beim Duschen weniger Wasser verbrauchst. Seitdem duscht du länger und/oder häufiger als früher, weil du ja jetz auch diesen neuen, sparsamen Duschkopf hast. Deswegen verbrauchst du am Ende sogar mehr Wasser.
  • Juhu, T-Shirts aus Biobaumwolle im Angebot. Was für ein Schnäppchen! Du kaufst gleich mal drei Stück. Wer weiß, wann es die wieder so günstig gibt!Doch Stopp mal, brauchst du überhaupt neue Shirts? Eigentlich nicht, und so liegen sie nach dem Kauf nur arbeitslos in ihrer Schublade herum.Obwohl die Baumwolle biologisch angebaut war, hat sie natürlich viele Ressourcen verbraucht und viel Wasser ist in ihren Anbau geflossen. Auch die Näher*innen, die die Shirts genäht haben, haben unter schlechten Arbeitsbedingungen gelitten, die du jetzt irgendwie an den Shirts hängen, und das gleich drei Mal. Wäre nicht passiert, wenn es nicht Biobaumwolle gewesen wäre, oder?
  • Wenn du Fleisch isst, hast du immer so ein ungutes Gefühl, denn du hast schon mitbekommen, dass die Tierhaltung weltweit zum Klimawandel beiträgt. Deswegen isst du nicht besonders viel Fleisch, nur ab und zu.Da entdeckst du ein Label, das Fleisch kennzeichnet, das aus nachhaltigerer Haltung kommt. Das beruhigt dein Gewissen und so isst du von nun an häufiger Fleisch, denn eigentlich schmeckt es dir sehr gut. Das Problem dabei? Dein Fleischkonsum steigt und das verbraucht sehr viele Ressourcen (z.B. Wasser und Getreide). Da du nun, wo du das neue Label kennst, insgesamt mehr Fleisch verzehrst, wirkt sich das neue Label im Endeffekt sogar negativ auf deine CO2-Bilanz aus.
  • Du kaufst dir eine Körpercreme mit Bio-Kokosöl. Du cremst dich gerne und häufig damit ein und fühlst dich richtig gut dabei: Riecht so lecker und ist ja außerdem auch bio.Was du nicht beachtet hast: Die Creme enthält viele umweltschädliche Stoffe, die nicht biologisch angebaut wurden, von denen du nun ganz schön viele verbrauchst, natürlich in dem Glauben, die Creme sei ja irgendwie umweltfreundlich.

Sicher fallen dir noch andere Fälle ein, bei denen du diesen Effekt beobachten kannst.

Es gibt Studien, die den Rebound-Effekt wissenschaftlich analysiert haben. Sie besagen, dass bis zu dreißig Prozent der gesparten Energie durch diese Wirkung gleich wieder verpulvert wird. Dreißig Prozent, das ist ganz schön viel.

Das ist also nicht nur eine theoretisches Hirngespinst, den Rebound-Effekt gibt es tatsächlich.

Was passiert genau?

Der Rebound-Effekt entsteht dadurch, dass Verbraucher*innen ihre Verhaltensweisen und Konsumgewohnheiten negativ verändern, nachdem sie vorher eine positive Veränderung durchgeführt haben.

Der negative Effekt, der durch verändertes Verhalten entsteht, macht dabei Teile der positiven Veränderung wieder wett. Er kann sogar so stark sein, dass Energiesparmaßnahmen u.ä. vollkommen wirkungslos werden.

Warum gibt es den Rebound-Effekt?

Ich glaube, dass  die Rebound-Falle, in die ich manchmal tappe, in die anscheinend auch andere Menschen tappen, psychologische Ursachen hat. Wer auf den Rebound-Effekt ‚reinfällt, handelt irrational.

Wir sehen gerne das Gute, das wir mit einer (Konsum-)Handlung tun. Das ist menschlich. Wir sind immer auf der Suche danach, uns frei sprechen zu können, ein positives Selbstbild zu haben und blenden deswegen die negativen Aspekte aus. (Das ist ja irgendwo ein Überlebensmechanismus, das muss also im Allgemeinen nichts schlechtes sein.)

Wir wollen sagen können, dass wir alles richtig gemacht haben. Wir sehnen uns nach einer guten Welt und wir hassen es, dass fast alles was wir kaufen (müssen) auf irgendeine Weise irgendwem schadet. Deswegen blenden wir das schlechte gerne mal aus. Das Ausblenden funktioniert hervorragend, wenn wir unser schlechtes Gewissen damit beruhigen können, dass wir es ja an dieser einen Stelle ein bisschen richtig gemacht haben.

Manchmal funktioniert das Ausblenden dann sogar so gut, dass wir mehr konsumieren als vorher.

mehr ist nicht immer besser

„Viel ist besser“ – wir strengen uns an, damit wir an diesem Glaubenssatz irgendwie festhalten können und wir haben ihn tief verinnerlicht.

Die Idee, dass mehr Konsum, eine materielle stetige Steigerung glücklicher macht steckt auf irgendeine Art oft noch in uns.

Falls ich aber wirklich nachhaltig denken will, kann ich nicht mehr in dieser Steigerungslogik verharren, die das Mehr an sich nicht hinterfragt. Denn die Idee eines immer quantitativ ansteigenden Konsums gehört auf den Müllhaufen der blöden Ideen.

An dieser Stelle liegt für mich auch der Schlüssel dazu, den Rebound-Effekt zu vermeiden.

Wie kann ich den Rebound-Effekt vermeiden?

Nur du kennst die Grenzen und Möglichkeite in deinem eigenen Leben. Es sollten deine eigenen Prioritäten sein. Wenn du dir einen neuen Staubsauger kaufen willst, kannst du das tun. Aber dann sei dabei ehrlich und stehe dazu, dass das nicht unbedingt so viel nachhaltiger ist und du das vielleicht auch aus anderen Gründen machst.

Es ist mir wichtig, dass das, was jetzt kommt, als Denkanstoß und nicht als Forderung verstanden wir, weil ich niemandem vorschreiben möchte, wie er oder sie zu leben hat.

Was würde ich dir also raten, wenn du den Rebound-Effekt vermeiden möchtest?

  • Versuche, in Bezug auf Nachhaltigkeit das große Ganze im Blick zu behalten. Das bedeutet, dass es in den meisten Fällen verschiedene Aspekte gibt, die gegeneinander abgewogen werden sollten. Lieber das Obst ohne Plastik oder die einzeln Plastik verpackten Bio-Mangos? Für welche Alternative auch immer du dich entscheidest, je weniger du kaufst, desto weniger Plastik, oder eben Pestizide. Es gibt sehr selten eine klare Antwort.
  • Sei kritisch gegenüber Marketingstrategien, denn die arbeiten oft damit, einzelne Aspekte, die ausnahmsweise schon mal ganz gut laufen, in den Himmel zu loben. Sie haben es sich schließlich zum Ziel gesetzt, dich zu mehr Konsum zu bewegen.
  • Nicht immer, aber doch oft gilt: „Weniger ist mehr“, vor allem dann, wenn du nicht alle Aspekte überblicken kannst.
  • Verabschiede dich von dem Gedanken, dass du alles richtig machen kannst und es ein ethisch und umweltmäßig einwandfreies Produkt gäbe. Gibt es nicht, niemals.
  • Ganz zuletzt glaube ich, es bringt schon viel, sich bewusst zu sein, dass der Rebound-Effekt existiert.

den Rebound-Effekt gibt es in vielen Lebensbereichen

Es muss gar nicht immer mit Nachhaltigkeit zu tun haben, wenn der Rebound-Effekt eintritt. Ich finde, es gibt ihn auch in finanziellen Situationen.

  • Oh, Milch im Angebot! Da kaufe ich gleich Mal drei Liter.
    …zwei Wochen später stellst du fest, dass du deinen Verbrauch wohl überschätzt hast, findest eine saure Milch im Kühlschrank, die du nicht mehr trinken kannst, aber trotzdem bezahlt hast. Rebound.
  • Ah, das Bier ist in dieser Kneipe so günstig. Das kostet ja fast nichts, da kann ich mir ja noch eins holen… und noch eins… und noch eins…
    In den frühen Morgenstunden hast du auf diese Art dann doch einiges für Bier ausgegeben. (Aber vielleicht war es ja dafür ein lustiger Abend. :))

 

Wo wirkt der Rebound-Effekt bei dir? Hattest du schon mal davon gehört? Welche Konsummuster verändern sich plötzlich ungewollt zum Negativen? Wo hast du ihn schon bei anderen beobachtet? Wo siehst du die Gründe? Was fallen dir noch für Ideen ein, dem Rebound-Effekt auf die Spur zu kommen?

(Den Beitrag reiche ich ein zu EiNab, der Blogparade rund um’s nachhaltige Leben)


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8 Kommentare

  • Hallo!

    Was für ein spannendes Thema! Ohne dass ich den Namen kannte habe ich auf dieses Phänomen schon immer geachtet, wenn ich ehrlich bin. Weil es für mich irgendwie logisch ist und ich immer sehr kritisch alles hinterfrage.

    Durch Deine Anregung werde ich dem in Zukunft bewusst noch mehr Aufmerksamkeit schenken, danke schön und vielen herzlichen Dank fürs Verlinken!

    lg
    Maria

    PS: Da sieht man den positiven Einfluss von HSP – ich hassen den Lärm vom Staubsauger und verwende ihn deshalb gar nicht *lach*

    • Simsalabim sagt:

      Hi,

      oh, das mit dem Lärm kenne ich durchau, ich hasse es und verstehe gut, dass du nicht so gern saugst. Leider hab ich eine Hausstaubmilbenallergie, da muss einfach regelmäßig gesaugt werden, trotz Hochsensibilität…

      Dass du den Effekt von selbst bemerkt hast, überrascht mich garnicht. Ist ja oft so, dass die Wissenschaft dass alles nur noch mal nachweist und einen Namen dafür findet. Ich halte es auch für sinnvoll, alles zu hinterfragen, um sich weiterzuentwickeln.

      Viele Grüße,
      Sabrina.

      • Hallo Sabrina!

        Beim Lebensmitteleinkauf ist mir das am stärksten aufgefallen. Bei diesen 2+1 gratis-Angeboten. Weil ich denke, dass man durch solche Angebote nicht wirklich spart sondern dafür mehr konsumiert. Oder z.B. beim Gemüse dafür großzügiger wegschneidet z.B. beim Salat.

        Insgesamt geht der Mensch glaube ich nachlässiger mit den Dingen um, wenn er ihnen nicht so viel Wertschätzung entgegen bringt, was sich bei unserer Kultur leider im Preis ausdrückt.

        lg
        Maria

  • Zora sagt:

    Hallo – ein wirklich spannendes Thema! Schön, dass du {Einab} bereichert hast. Denn oft genug erlebe ich bei uns Ökos ein reines Umweltgewissen, wo es objektiv betrachtet gar nicht angebracht wäre.
    Ich kenne den Effekt auch von mir, bilde mir aber ein, dass er sich nach einer ersten Phase der Euphorie (gerade beim Staubsauger, Duschen und der Nutzung von Ecosia war es bei mir ganz genau, wie du es beschrieben hast), das alte Verhalten dann doch wieder einstellt. Meinen super-duper-öko-Sauger lass ich jetzt auch immer öfter stehen, weil ich kehren sehr viel leiser, angenehmer und schneller finde. Und dabei gibt es ja zum Glück keinen Rebound-Effekt 😉

    • Simsalabim sagt:

      Ja, ich denke, es ist gar nicht so leicht, objektiv zu denken, viele gehen an das Thema Umwelt vielleicht auch insgesamt sehr emotional heran. :)

      Ich kenne die Euphorie, die dann verschwindet, auch ein bisschen. Beim Staubsauger liegt das vielleicht auch daran, dass Staubsaugen einfach ganz schön nervig ist, auch mit Ökosauger. 😀

  • Fjonka sagt:

    Da hilft mir, daß ich einfach faul bin 😉 Niemals würde ich öfter saugen /duschen/ …. weil ich ein neues Gerät dazu habe.
    Was ich weiß, ist, daß ich mehr Schmierzettel brauche, seit ich die Zettelchen nicht mehr als „Schmierzettelblock“ irgendwo kaufe, sondern mir aus Rückseiten von beschriebenem (alte kalenderblätter etc) selbst bastele. Aber da ich die sonst eh ins Altpapier täte und jetzt nach upcycling auch dorthin tu, hat das ja nicht den beschriebenen Effekt.
    Ich werde mal beobachten, dasnke jedenfalls für den Denkanstoß!

    • Simsalabim sagt:

      Bei Dingen, die sonst ohnehin wegkommen, ist das ja auch noch mal etwas anderes, da würde ich das jetzt nicht so eng sehen. :)

      Es freut mich sehr, dass du mal darauf achten willst, das war nämlich das Ziel des Beitrags.

      @Maria: Die Beobachtung, dass es da an Wertschätzung für die Dinge mangelt, finde ich interessant. Da ist sicher etwas dran.

      LG an euch.

  • Marlene sagt:

    Hallo, ein wirklich spannendes Them, dass man sich wirklich bewusst machen muss. Siehst du und deswegen brauch ich jetzt nicht weiter überlegen, ob ich mir den neuen Staubsauger kaufe, so lange der alte noch funktioniert 😉
    Liebe Grüße & danke fürs Mitmachen bei {EiNaB}
    Marlene

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