Israel: Im Zug nach Netanja.

(sowas wie mein Reisetagebuch)

Wir wollen mehr sehen und mal ein wenig herumkommen, haben aber leider nicht so viel Geld.

Es ist ein Freitagnachmittag, igendwo zwischen ganz schön warm und richtig heiß. Doch davon spüre ich nichts, denn der voll besetzte Zug ist klimatisiert. In Jacke und mit Schal sitze ich auf meinem Fensterplatz und beobachte, wie sich T-Shirts und Shorts auf den Bahnsteigen im Weg stehen, gen Shabbat streben, oder einfach gen Wochenende.

Manchmal wabert eine Schweißgeruchwolke in meine Richtung, dann atme ich durch den Mund.

Zwei Mädchen, die aussehen wie ungefähr 16, tragen Arbeitskleidung von McDonald’s. Weiße Shirts und Schirmmützen, die eigentlich nur aus Schirm bestehen. Ob die Pickel in ihrem Gesicht wohl vom Frittierfett oder vom Alter kommen? Sie reden arabisch miteinander und in ihre Telefone.

Sie tun mir Leid. Ich denke an die niedrigen Löhne hier und daran, dass eine kleine Packung Müsliriegel umgerechnet mehr als sechs Euro kostet, daran, dass ich mich wochenlang hauptsächlich von Hummus und Weißbrot und Falafeln ernähre, denn die Lebensmittel sind hier schmerzhaft teuer. Außerdem denke ich an den Taxifahrer, der vor seiner Schicht noch Koch ist, oder sollte ich sagen: Den Koch, der neben seinem Knochenjob noch Taxi fährt.

Mehrere Jobs zu haben, ist hier nichts besonderes, auch nicht für die Mittelschicht. Alle reden darüber, wie teuer es ist.

Und dann haben sie Netanjahu gewählt, auch der Taxifahrer oder Koch.

Den McDonalds Mädchen gegenüber sitzt ein Gewehr, an dem ein Uniformierter hängt. Vielleicht ist es ein Maschinengewehr, mit Gewehren kenne ich mich nicht so aus, aber es ist groß. Doch das fällt niemandem auf. Die einzige, die das Gewehr ansieht, bin ich, die Ausländerin. Das trägt hier ja jeder zweite mit sich herum, genau wie die Uniform, das ist keinen Blick wert.

Es ist die Wochenzeit, in der die Wehrdienstleistenden nach Hause fahren. Wenn sie ihre Uniform tragen, dürfen sie im ganzen Land kostenlos die Züge benutzen. Und sie tun das auch.

Ich stelle mir vor, ich wäre eine von ihnen, zufällig woanders geboren. Was wäre wohl aus mir geworden? Wie wäre mein Blick auf diese Szene, wenn ich nicht ich wäre? Wie würde ich das alles finden, wenn ich gerade von meiner Schicht bei McDonalds in Tel-Aviv in mein arabisches Dorf fahre?

Sonnenuntergang über den Dächern von Tel-Aviv (Israel).

Tel-Aviv

Nach Wochen habe ich mich wieder an die (Maschinen?)gewehre gewöhnt, auch die millionste Packung Supermarkthummus schmeckt noch gut, weil es hier bessere Pitas als in Deutschland dazu gibt. Sie sind viel weicher und zarter. Tel-Aviv ist immer noch laut, alles ist teuer, vom Bier bis zur Sonnencreme, aber es ist schön hier.

über den Dächern von Tel-Aviv

Endlich habe ich eine Einstiegsfrage für Gespräche mit Israelis gefunden: Was hast du in der Armee gemacht? Was macht dein Kind in der Armee?

Ich taste mich an dem entlang, was noch okay zu sagen ist und dem, was schon daneben ist. Wie viel Politik ist okay? Ich komme mir vor wie ein Elephant im Porzellanladen, unsensibel, dass ich so etwas privates zu fragen wage, aber die meisten finden das gar nicht komisch. Jede*r hat eine Geschichte aus der Armeezeit für mich.

Strand bei Netanja (Israel).

Wir kommen an, am Meer, in der Ruhe, die die ganze Zeit so fern schien. Und so vergehen die Tage, einer kürzer als der andere. Die Eindrücke der letzten Zeit verschwimmen. Undeutlich bleibt das große Ganze hinter den Details zurück.

Ich habe nichts verstanden, ich habe das Land nicht verstanden, aber unterwegs ein paar neue Mosaiksteinchen eingesammelt, die ich mir zu Hause in mein Fotoalbum kleben kann.

Wellen am Strand in Israel

israelische Küste

wandern in Israel

geliehene Hunde

 

israelische Landschaft


Noch mehr zum Thema? In Israel haben sich auch schon meine Pfade gekreuzt und fantasyfilmige Situationen ergeben.


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1 Kommentar

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