Gekreuzte Pfade (1): Ein Abend bei Malzbier und Reis.

Manchmal führt der Zufall Menschen in mein Leben, die sich sehr von mir unterscheiden. Andere Umstände, andere Möglichkeiten, andere Motivationen und ein anderer Charakter. Im nächsten Moment sind diese Menschen schon wieder ganz woanders, doch sie lassen eine Erinnerung zurück. Eine neue Sicht auf die Welt, die meine eigene Perspektive ein kleines Stückchen verschiebt und bereichert. Diese Begegnungen möchte ich gerne festhalten, ab und zu an die Weggabelung zurückkehren, an der wir uns kurz zugewunken haben. Deswegen gibt es ab jetzt unter der Überschrift Gekreuzte Pfade Berichte von ebendiesen Begegnungen.

Ein Mann auf einem Weg.

Liel aus Chile ist 18 und arbeitet und lebt seit zwei Monaten im Kibbuz.

Der Kibbuz liegt direkt am Meer.

Vier Stunden am Tag ist sie in der Wäscherei des Kibbuz tätig.

Den Rest ihrer Zeit verbringt sie damit, die neue Sprache zu lernen.

Sie will hier in Israel bleiben, für immer.

Heimweh hat sie nie. Sie fühlt sich sehr wohl und lernt schnell Hebräisch.

Ihr ist viel Gastfreundschaft begegnet.

Sie liebt Israel und findet es wunderschön.

Manchmal fühlte sie sich unwohl und gefährdet, wenn sie in Chile eine Synagoge betreten hat oder zu einer Diskussionsveranstaltung über jüdische Themen ging.

Die Kultur ihres Heimatlandes erschien ihr oberflächlich. Sie wollte mit den Menschen über Probleme in Afrika oder dem nahen Osten reden – doch die zeigten daran einfach kein Interesse.

Dennnoch hatte sie ihre Freunde, mit denen sie über solche ernsteren Fragen reden konnte.

Sie interessiert sich für Nietzsche.

Sie hat entschieden, dass sie nicht in die chilenische Kultur passt und deswegen auswandern möchte.

In Chile hat Liel den Aufnahmetest für ein Studium bestanden und die Aufnahmegebühren für die Universität bezahlt.

Als dann das Studium begann, musste sie feststellen, dass sie die Gebühren für das Studium einfach nicht aufbringen kann.

Auch mit Studienabschluss wäre es für sie vielleicht schwierig geworden, einen Job in Chile zu finden.

Doch das, was sie wirklich nach Israel brachte, ist der zionistische Gedanke, der sie begeistert.

Liel glaubt an Gott.

Dennnoch hält sie den Shabbat nicht ein und isst alles.

Sie ist aber religiös.

Das klänge sicher seltsam. Ob ich das verstünde?

Ja, das tue ich. Sie lebt den Glauben eben auf ihre Weise. Das müssen nicht immer äußere strenge Regeln sein.

Als ich am nächsten Morgen erwache, hat sie das Haus bereits verlassen. Voneinander verabschiedet haben wir uns nicht.


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