Tiere sind Wurst. Außer Knut, der ist süß.

Erinnert ihr euch noch an Knut, den Eisbären? Letztens lief mir ein Zitat zum Medienrummel rund um Knut über den Weg.

,,Zu sagen, dass Berlin in Knut verliebt gewesen sei, wäre eine absolute Untertreibung. Bürgermeister Klaus Wowereit schaute jeden Morgen in den Nachrichten nach neuen Bildern von Knut. Das Berliner Eishockeyteam, die Eisbären, fragten im Zoo, ob sie ihn als Maskottchen adoptieren könnten. Zahllose Blogs – darunter eines beim Tagesspiegel, einer der größten Zeitungen Berlins – beschäftigten sich mit Knuts Tagesablauf. Er hatte seinen eigenen Podcast und eine Webcam. Er ersetzte in einigen Tageszeitungen sogar das Oben-ohne-Model. Zu Knuts erstem Auftreten in der Öffentlichkeit erschienen 400 Journalisten, weitaus mehr als zum EU-Gipfel, der zeitgleich stattfand. Es gab Knut-Krawatten, Knut-Rucksäcke, Knut-Teller, Knut-Schlafanzüge, Knut-Figürchen und wahrscheinlich, wobei ich das nicht überprüft habe, Knut-Unterhosen. (…) Fußballfans grölten für Knut statt für ihre Mannschaft. Wenn man Knut besucht und Hunger bekommt, gibt es ein paar Meter neben seinem Gehege eine Bude, die ,Knutwurst‘ verkauft. Sie besteht aus Fleisch von Schweinen aus Massentierhaltung, die mindestens so intelligent sind wie Knut. (…) Das ist die Artengrenze.
(Jonathan Safran Foer – Tiere essen)

Eisbär Knut - Begünstigter der Artengrenze
Knut profitiert von der Artengrenze.
(Bild: Marmontel auf Flickr. CC 2.0. Von mir bearbeitet.)

Tiere essen ist ein überzeugendes Buch

J.S.Foer ist ein großartiger Schriftsteller. Seine Werke zählen zu den Schätzen meines Bücherregals und sind mir sehr ans Herz gewachsen. Schon 2011 erschien sein erstes Sachbuch „Tiere essen“, das ich nach drei Jahren nun endlich auch mal gelesen habe. Ich hinke der Diskussion also etwas hinterher und verrate hier sicherlich keinen Geheimtipp, wenn ich sage: Es ist absolut lesenswert.
Preaching to the already converted – Natürlich könnte man es so nennen, wenn eine langjährige Vegetarierin und Fast-Veganerin ein Buch über das Fleischessen liest. Doch es tut gut, Wissen über die Zusammenhänge aufzufrischen. Mir wird dann wieder viel klarer, warum ich so esse, wie ich esse. Es werden durchaus nicht nur Statistiken aufgetischt, sondern auch Zusammenhänge dargestellt.

die Artengrenze

Das obige Zitat erklärt für mich sehr schön einen der zentralen Widersprüche, die Artengrenze, die zwischen verschiedenen Tierarten (ethisch-moralische) Unterschiede konstruiert. Es ist in Ordnung, Tiere zu essen, aber keine Haustiere.  Es gibt Tiere zum Streicheln, die wie Freunde sind, Tiere zum Süßfinden, Tiere zum im-Zoo-angucken und Tiere zum Aufessen und Eierlegen, je nach Art. Es klafft eine unlogische, widersprüchliche Kluft zwischen verschiedenen Tierarten. Es waren die lieben Haustiere in meinem Leben, die mich auch für das Leid der Nutztiere sensibilisierten. Hunde, Schildkröten, Rennmäuse – Wesen mit Namen und Eigenheiten, fühlende Individuen mit komischen Schrullen und Launen, die ich niemals töten und essen würde. Irgendwann wurde mir klar, dass es für mich keinen Grund gibt, diesen Umgang nur auf Haustiere zu beschränken. Die Artengrenze, für die ich keine überzeugenden Begründungen finden konnte, schaffte ich in meinem Denken sozusagen ab.

warum gibt es die Artengrenze?

Ich stelle mir die Frage, warum das so ist? Worauf genau beruht die Artengrenze? Ist es die jahrhundertelang gewachsene Kultur, aufgrund derer Schweine und Hühner nun mal nicht als Kuscheltiere gelten? Anders gesagt: Ist es das: War halt schon immer so Argument? Ist es einfach nur ein Abwehrmechanismus? Woher diese Unlogik, die das Essen von Tieren sozusagen legitimiert?Solche Fragen, die über die Konsumhaltung heraus auch das dahinter stehende Denken in den Blick nehmen, sind für mich faszinierend. Wie gehen Menschen und Tiere miteinander um? Warum? Antworten habe ich übrigens keine.Gedanken, Ideen, Hinweise, Ergänzungen dazu? Hast du das Buch gelesen?————————-

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2 Kommentare

  • Maera sagt:

    Hallo Sab,

    ich habe „Tiere essen“ auch irgendwann dieses Jahr gelesen und dass, obwohl ich schon seit mittlerweile 6 Jahren Vegetarierin bin und immer mehr vegane Gerichte in meinen Speiseplan aufnehme. Du bist also nicht allein! Foers Buch war deswegen nicht weniger wichtig für mich, weil ich mich zwar immer wieder mit kleinen Schnipseln zum Thema Tierhaltung auseinander gesetzt habe, aber bisher noch keinen Blick aufs „große Ganze“ hatte.

    Welche Tiere geliebt und geknuddelt und welche gegessen werden ist eine gute Frage. Ich denke, dass da die Sozialisation in unserer Kultur eine wichtige Rolle spielt – was auf „das war halt schon immer so“ hinausläuft. Hühner, Schweine und Kühe sind unsere Nutztiere, Pferde sind da schon grenzwertig, wie ich aus einer Erfahrung als Noch-Nicht-Vegetarierin weiß: Als ich einmal Pferdefleisch aß, reagierten meine Eltern, für die eine Mahlzeit ohne Stück Fleisch keine ist, schockiert. Wahrscheinlich weil ein Pferd kein klassisches „Tier zum Essen“ sondern das „nette Tier, zu dem man eine Bindung aufbaut“ ist.

    Abschließende Antworten auf deine Fragen habe ich auch keine. In Anbetracht der aktuellen Tierhaltung und der damit verbundenen Moral-/Umwelt-/Gesundheitsprobleme sollte das Thema allerdings breiter diskutiert werden, als wir das als Gesellschaft gerade tun.

    Ratlos,
    Maera.

    • Sabrina sagt:

      Hi,

      wahrscheinlich ist es wirklich zum größten Teil Kultur/Tradition/Gesellschaft. Naja, ich bin Soziologin, deswegen sehe ich immer überall die Gesellschaft. 😀 Es wird aber eben auch aufrecht erhalten und so immer wieder aktiv erneuert. Das ist es, was mich so entsetzt, in anderen Bereichen gibt es ja auch Weiterentwicklung, hier irgendwie nicht.

      Das mit dem Pferdefleisch ist interessant, man denke nur an den Pferdefleisch-Skandal mit der Lasagne. Die Aufregung beruhte ja in gewisserweise darauf, also auf der Artengrenze, denn gesundheitsgefährdend war das betreffende Fleisch nie. Auch wieder so ein unlogischer Fall.

      Ich fände es ebenfalls wichtig, das stärker zu thematisieren.
      Da gibt es noch viel zu tun…

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