Angst vor der Natur in meiner Kosmetik.
Als ich meinen letzten Beitrag über selbst hergestellte Dinge verfasste, fiel mir etwas auf. Bei einigen Dingen, z.B. dem Kaffeesatz-Peeling, fragte ich mich, ob ich wirklich der Öffentlichkeit mitteilen möchte, dass ich mich gelegentlich mit den Resten aus meiner Kaffeemaschine einreibe.
Auch im analogen Leben ist es mir manchmal peinlich, anderen von solchen Praktiken zu erzählen. Ich vermeide es, zumindest, wenn meine Gesprächspartner*innen keine engen Freund*innen sind, zu erzählen, dass ich selbst angerührtes Waschmittel nutze oder kein Gesichtswasser mehr kaufe, sondern mich lieber mit meiner eigenen Mixtur wasche.
Dabei würde ich mir im Grunde wünschen, dass mehr Leute erkennen, wie praktisch das selbst machen solcher Kleinigkeiten sein kann. Ich könnte ihnen sinnvolle Tipps geben. Warum ist es mir dennnoch oft so unangenehm, darüber zu reden? Es gibt natürlich psychologische Gründe, die vielleicht in meiner Persönlichkeit liegen, aber davon abgesehen sind mir beim Nachdenken auch gesellschaftliche Ursachen bewusst geworden. Das kommt dabei heraus, wenn eine Soziologin auch in der Freizeit soziologisch denkt.
Warum also schäme ich mich mitunter für selbst gemachte Heilerdemasken und andere derartige Pflegemittel?

Dreckig sein und stinken ist das Letzte.

Clean Me!
Allgegenwärtige Aufforderung zur Sauberkeit. (Fotographiert von Satish Krishnamurthy auf Flickr. Bearbeitet. CC 2.0.)
Die Angst, als unhygienisch zu gelten, ist generell groß. Unhygienisch sein, das ist fast noch schlimmer als arbeitslos zu sein. Für unhygienische Individuen ist in unserer Gesellschaft, überspitzt gesagt, keinen Platz. Wer sich zu selten wäscht, das falsche Deo benutzt oder mal einen Tag mit fettigen Haaren das Haus verlässt, der lässt sich nach allgemeiner Annahme gehen, ist verwahrlost, faul und vor allem peinlich und selbst Schuld. Die einzige Entschuldigung, verschwitzt zu sein, ist die, von einem Termin zum nächsten Meeting gehetzt zu sein. Hallo Leistungsgesellschaft!
Was für ein Stigma es sein kann, als unhygienisch zu gelten, zeigt sich zum Beispiel sehr gut daran, wie schwierig es ist, einem Menschen taktvoll zu vermitteln, dass man sich gerade von seinen Ausdünstungen belästigt fühlt.
Ein Fall aus meiner früheren WG, in dem ich mit meinem Freund und einer Mitbewohnerin zusammenwohnte, zeigt das ganz gut: Mein Freund hatte regelmäßig Besuch von einem Kumpel, dessen Füße tatsächlich bestialisch stanken. Auch seine Schuhe, die er im Flur abstellte, sonderten einen stark störenden Geruch ab, der in der ganzen Wohnung wahrnehmbar war. Möglicherweise war dem Besucher, übrigens ein sehr netter Mensch, gar nicht bewusst, dass wir alle uns von seinen Käsemauken belästigt fühlten und ein kleiner Hinweis darauf hätte ausgereicht. Trotzdem traute sich niemand, dem stinkenden Freund zu sagen, dass seine Füße stinken, weil er sich ja – oh Schreck! – von diesem Hinweis verletzt fühlen könnte.
Ihm zu sagen, dass er stinkt, könnte als gezielte Beleidigung und Abwertung seiner Person missverstanden werden, weil stinken nun mal ein schlechtes Image hat.
Also: Sauber und hygienisch muss man sein, wenn man in diese Gesellschaft passen möchte. Körperpflege wird nicht nur als persönliche Entscheidung angesehen, sondern ist eine Norm. Wer sich dieser Norm widersetzt, über den oder die wird hinter vorgehaltener Hand die Nase gerümpft.

Was hygienisch ist, bestimmt der Zeitgeist.

Sagrotanreiniger, der Gipfel der Sauberkeit.
So wird uns Sauberkeit gezeigt. (Bildquelle: Sagrotan Power & Pure Hygienisch und Sauber Werbung 2012 auf Youtube)
Wir wissen jetzt schon, dass es eine Norm ist, hygienisch zu sein, nun wird es einen Schritt komplizierter, denn, was hygienisch ist und was nicht, ist ebenfalls gesellschaftlich vorgegeben und ist in einigen Fällen gar nicht so sinnvoll.
Generell ändern sich die Vorstellungen davon, was als sauber gilt, immer wieder.
Wer schon mal einen Mittelalterroman gelesen hat, indem ein kleiner Schauer dadurch erzeugt wird, dass Abfälle aus dem Fenster gekippt werden, weiß vielleicht, was ich meine. Damals war das eben so.
Wahrscheinlich hat da auch die Werbung für diverse Produkte, wie z.B. Waschmittel oder Deos ganze Arbeit geleistet und fleißig die Angst der Menschen davor genährt, ein unsauberes Mitglied der Gesellschaft zu sein, eklig zu sein. Damit lässt sich Geld machen. Oder was sonst lässt sich aus Werbesprüchen wie ,,Nicht nur sauberm sondern rein„, ablesen? (Interessanter Aspekt dabei: Hygiene und Sauberkeit sind meist Frauensache.)
Wie sehr Hygienevorstellungen variieren, auch das kann man wieder gut an meiner WG oder eigentlich allen Konstellationen, in denen ich jemals gewohnt habe, illustrieren: Ab und zu gab es Auseinandersetzungen darüber, wer was wie zu putzen hatte. Wo ich den Zustand des Badezimmers noch total in Ordnung fand, ekelte sich jemand anders darüber. Andersherum habe ich vielleicht Ekel vor der Küche und ihrem Zustand empfunden, als meine Mitbewohnerin sich darin noch sehr wohl fühlte.
Ich denke, jede*r, der*die schon mal mit anderen Menschen zusammen gewohnt hat, kennt solche verschiedenen Empfindungen. Hygiene ist also nicht vollständig naturgegeben, sondern durchaus eine sich verändernde gesellschaftliche Größe.
Die heutige Definition von Hygiene würde ich mal (unvollständig) so zusammenfassen: Gepflegte Menschen duschen täglich und wechseln jeden Tag ihre Unterwäsche. Sie tragen zusammenpassende, dem Anlass angemessene Kleidung, die sie häufig wechseln. Wenn sie weiblich sind, halten gepflegte Menschen ihre Körperbehaarung in Grenzen. Sie benutzen Deos und tun alles, um nicht zu schwitzen und dann nach Schweiß zu riechen.

Auch ich will nicht dreckig sein und stinken.

Ich habe eben beschrieben, wie es eine Norm ist, hygienisch zu sein und, dass darunter nur bestimmte Formen von Körperpflege gefasst werden. Ökopflege mit selbst gepanschter Gesichtsmaske und Haarwaschseife ist eher nicht die allgemeine Norm, von einer gewissen kleinen Szene vielleicht einmal abgesehen.
Obwohl ich das weiß und auch weiß, dass nicht alle Normen sinnvoll sind, habe ich sie internalisiert.
Natürlich passe ich mich ihnen zu einem gewissen Teil an. Ich würde sogar sagen, dass ich nicht trennen kann, ob ich das, was ich eklig finde, tatsächlich eklig finde oder, ob ich da auch allgemeine Vorstellungen hineinspielen. Ich selbst mache zwar nicht immer alles so, wie die Mehrheit, entspreche also in einigen Punkten auch nicht der Norm. Nichtsdestotrotz ist es mir wichtig, hygienisch zu sein und dafür gehalten zu werden. Auch in mir ist die Angst, dass Leute mich für dreckig oder unsauber halten, dies sanktionieren und deswegen negativ auf mich reagieren.
(Natürlich haben diese Überlegungen Grenzen und es gibt Zustände oder Bakterien, die tatsächlich gesundheitsschädlich sind. Das spielt aber oft keine Rolle, wenn man sich die allgemeinen Vorstellungen ansieht. Täglich zu duschen beispielsweise ist, glaubt man Dermatolog*innen, ungesund und schlecht für die Haut. Trotzdem möchte ich nicht darauf verzichten, weil ich mich unsauber fühle, wenn ich mal einen Tag nicht geduscht habe.)
Was denkt ihr über Hygienevorstellungen und Sauberkeit? Habt ihr auch manchmal Angst, euch als öko zu outen und damit irgendwie „schmutzig“ zu sein? :)
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