In das Dunkel einer Kirche treten.

Pisa, April 2014.

Im Kern dieser Stadt stehen sich die Reisebusse gegenseitig im Weg. Rudelweise drängen sie sich auf einen einzigen Platz, den sie durch ihre Masse fast vollständig zu bedecken vermögen: Zehntausende Tourist*innen, die sich gegenseitig auf die Füße treten und photographieren. Auf Millionen Speicherkarten muss sich das gleiche Photo finden: Turm, Mensch. Mensch stützt Turm. Mensch vor Turm. Küsschen vor Turm. Vater-Mutter-Kind vor Turm.
Flankiert wird diese Sehenswürdigkeit von zahllosen billigen Sonnenbrillenständen und Eisverkäufer*innen. Ganz italienisch können die Reisenden nach ihrer Photosession eine Pizza zu sich nehmen, nur um dann satt und zufrieden wieder in die vollklimatisierte Stahlkarosserie zu klettern, die sie zum nächsten Aussichtspunkt fahren wird.

zwei Straßen weiter der Alltag

Der Touristenauflauf konzentriert sich auf wenige Punkte. Hinter Mauern der Altstadt zeigt sich das Bild einer mittelgroßen italienischen Stadt und ihrer Bewohner*innen. Student*innen, die ihre Mittagspause auf einer Wiese halten, ein Gärtner, der die Hecken stutzt, alte Frauen auf dem Rückweg vom Lebensmitteleinkauf, elegant gekleidete Geschäftsmänner, die im Stehen einen Espresso hinunterstürzen und dann weitereilen.  Ein langsam dahinfließender sonniger Nachmittag.
Wer aufmerksam ist, bemerkt eine kleine Kirche, die so schmucklos und unauffällig zwischen Wohnhäusern versteckt ist, dass sie kaum als solche erkennbar ist. Wer neugierig ist, öffnet das Tor und kann eintreten.
Drei Kerzen in Kirche. Schwarz/Weiß-
Man muss nicht katholisch sein, um an diesem Ort an Gott zu denken. Man muss nicht einmal an einen Gott glauben, um das Besondere dieses Ortes zu spüren. Das einzige Licht geht von einigen Kerzen aus, die anmutig vor sich hin brennen. Menschenleer ist dieser riesige freie Raum, doch irgendwann muss jemand hier gewesen sein, um sie anzuzünden. Wer die Prospekte lesen will, die von Gottesdienstzeiten und Gebeten erzählen, muss das Tor öffnen, um die Sonne hineinzulassen. Doch mit der Sonne kommen die Geräusche der Straße und die Losgelöstheit dieses stillen Ortes schwindet dahin.
Kerzen in Kirche.

Geschichte

Ich nehme das Dunkel und den Hall meiner Schritte wahr und denke an all die Gottesdienste in meinem Leben. Die alten Melodien haben sich tief in mein Hirn eingebrannt. Worte, die so oft nachgesprochen wurden, ziehen an mir vorbei, Momente, Feste, gebeugte Köpfe und die Rücken von Bittenden. Der monotone Tonfall der auswendig gemurmelten Verse auf einer niedrigen harten Bank. Vor hunderten Jahren hat hier jemand gesessen und daran gedacht, wie vor ihm oder ihr die Gläubigen diese Worte sprachen und wie sie nach ihm wieder gesprochen werden würden. Mein Mund bleibt geschlossen doch in meinem Kopf sind die Worte, jenseits ihrer Bedeutung. Vergib uns unsere Schuld. Erlöse uns von dem Bösen. … und die Kraft und die Herrlichkeit. Amen. Nur selten betrete ich Kirchen. Doch an diesem Tag gab es keine Gedanken an die Gräueltaten der Kirche und das christliche Menschenbild.
Es ist vielleicht nicht mein Gott, doch heute ist er weniger weit entfernt als zu anderen Zeiten.
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