Lesezeit zum Wochenende.
Samstagvormittag. Aus der Nachbarwohnung dringt die Geräuschkulisse spielender Kinder. Mit dem tiefen Surren der vorbeiziehenden Flugzeuge vereint sie sich zu einer trägen Hintergrundbeschallung. Das beruhigende Blubbern einer Kaffeemaschine und das Wissen um zwei freie Tage. Dies sind die Momente, die sich dazu eignen, langsam aufwachend, mal wieder Zeit mit Büchern zu verbringen.
Wie schon geschrieben: Da mir eine kleine Projektidee mit Büchern vorschwebt, möchte ich häufiger festhalten, was ich gelesen habe und wie es war. Hier also die nächste Runde meiner zuletzt gelesenen Bücher. Die Überschriften habe ich jeweils auf Inhaltsangaben verlinkt, dafür fasse ich den Inhalt der Bücher nicht noch mal selbst vollständig zusammen, sondern gehe mehr auf meine persönlichen Eindrücke ein. Achja, meine Meinungen enthalten übrigens teilweise Spoiler. Nur, damit es nicht heißt, ich hätte nichts gesagt…

Hilal Sezgin: Landleben. Von einer, die rauszog.

Hilal Sezgin Landleben und ein Kräuterzweig
Hilal Sezgin hat einen kurzweiligen Bericht über ihren Umzug und ihr Leben auf dem Land geschrieben. Erfreulicherweise kommt sie ganz ohne kitschige Wiesenromantik aus, ist dafür aber authentisch und auch lustig. Einige Male habe ich während des Lesens laut gelacht, was mir wirklich selten passiert. Sie beschreibt die Vorzüge des Landlebens, ohne dessen Nachteile zu verschweigen. Immer klingt dabei durch, wie sehr es ihr auf dem Land gefällt, aber ohne übertriebene Verklärung. Besonders liebevoll geschrieben und stellenweise herzzerreißend sind die Erzählungen über die verschiedenen Tiere, die sich im Laufe des Landlebens ansiedeln. Mir hat das und das Buch im Allgemeinen so sehr gefallen, dass ich nun Lust bekommen habe, weiteres von Hilals Sezgin zu lesen, z.B. ihr Werk über Tierethik.

Bechdel-Test*: bestanden

Judith Schalansky – Taschenatlas der abgelegenen Inseln

Judith Schalansky: Taschenatlas der abgelegenen Inseln
Fünfzig Inseln auf denen ich nie war und niemals sein werde (Buchcover)
Osterinsel (Ausschnitt aus dem Taschenatlas der abgelegenen Inseln)
Detailansicht (Taschenatlas der abgelegenen Inseln)
Taschenatlas der abgelegenen Inseln von Judith Schalansky
Ich schlage das Buch auf und fühle Liebe. <3 Bereits 2012 habe ich den Taschenatlas geschenkt bekommen und seitdem viel zu lange nicht mehr hineingeschaut. Er ist wunderschön! Die Gestaltung ist außergewöhnlich und nahezu perfekt. Der Schreibstil von Judith Schalansky überzeugt, weil jedes Wort sitzt. Dazu kommen kleine Geschichten voller Absurdität und gestrandeter Träume, die schon für sich gesehen großartig und lesenwert wären. Miteinander kombiniert und in ein Kleinod der Buchgestaltung wie dieses gedruckt jedoch, ist es schlicht und einfach ganz große Kunst. Ein zeitloses Buch, das sich zum Herumblättern ebenso eignet wie zum von-vorne-bis-hinten-Durchlesen. Ich würde es sogar Analphabeten empfehlen, weil die Gestaltung einfach so schön ist. Der Taschenatlas der abgelegenen Inseln ist ein Medikament gegen Fernweh und ein Bonbon für Typographiefans. Auf jeden Fall aber ist er einer der Schätze meines Bücherregals, vielleicht sogar eins der drei Bücher, die ich auf eine einsame Insel mitnehmen würde.
Bechdel-Test*: nicht bestanden (da ist er, der Wermutstropfen)

Haruki Murakami: Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki

Haruki Murakami: Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki
Auch im neuesten Werk eines meiner Lieblingsautoren sind wieder alle Zutaten eines typischen Murakami enthalten: Zurückgezogen lebende Großstädter, verwirrende zwischenmenschliche Beziehungen und Träume, von denen nie ganz eindeutig ist, ob sie nicht doch in der Realität stattgefunden haben. Insofern keine große Überraschung. Ich mag Murakami und deswegen mochte ich natürlich auch diesen Roman. Ich halte ihn jedoch keinesfalls für seinen besten, aber immer noch für schön, solide und für besser als vieles andere, was ich in meinem Leben so gelesen habe. Etwas unsicher bin ich mir wegen dem Punkt der Story, an dem u.a. (falsche) Vergewaltigungsvorwürfe eine wichtige Rolle spielen. Generell ist es natürlich denkbar, dass so etwas passiert. Es dürfte jedoch eher dem Mythos der falschen Vergewaltigungsvorwürfe in die Hände spielen. (Kurze Erklärungen, warum es eher ein Mythos ist und Opfern schadet.) Andererseits kann man die Geschichte wegen ihres traumartigen surrealen Charakters auch ganz anders und, wie ich finde, auf einer symbolischen Ebene fast schon feministisch lesen. Um mich da wirklich festzulegen, müsste ich noch mal ausführlicher analysieren. Dies nur als ersten Eindruck und vielleicht Warnung für die Leser*innen, die derartige Storylines nicht so gerne lesen. Allen anderen würde ich den neuen Murakami durchaus empfehlen. (Wenn sie denn prinzipiell Murakami mögen.)
Bechdel-Test*: nicht bestanden (je nach Interpretation)



zum Bechdel-Test, den ich hier anwende:
Wie z.B. auf Wikipedia nachzulesen ist, kann dieser als bestanden gelten, wenn
a) zwei (namentlich bekannte) Frauen zu sehen sind, die
b) miteinander sprechen und
c) dabei nicht über einen Mann sprechen.

Für mich ist er nicht mehr als ein erster Test, der natürlich die Rolle von Frauen* in einem Werk nicht vollständig erfassen kann. Nur, weil er bestanden ist, sind Frauen* noch nicht angemessen repräsentiert. Umgekehrt gibt es vielleicht auch ein paar Filme, die sehr interessante Frauenrollen zeigen und den Test dennnoch nicht bestehen. Also ist er ein erster Anhaltspunkt, den ich abklopfen kann, ohne lange Analysen zu vollziehen.
Nun aber auf ins Wochenende! Genieß es und schreib mir vielleicht, was deine Gedanken zu den Büchern hier sind. Kennst du sie? Magst du sie? Willst du sie nun lesen, nachdem ich sie vorgestellt habe? Usw. :)
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