Die Nestlé-Werbeabteilung macht neuerdings auch ganz hervorragende Satire.
Fernsehen kann anstrengend sein. Ich habe keinen Fernseher, um mein sensibles Gemüt zu schonen. Manchmal vermisse ich dann doch beim Seriengucken die Werbepausen, in denen ich mir immer gerne etwas zu essen geholt habe, doch eigentlich war es schon die richtige Entscheidung, keinen mehr zu haben. Denn bei manchem, was da so zu sehen ist, möchte ich unverzüglich eine Mail an die Medienmacher*innen schreiben, eine bitterböse Mail mit vulgären Beschimpfungen und vielen Ausrufezeichen. (Allerdings ist das bei anderen Medien genau so, das sollte hier der Fairness halber erwähnt werden.) Der aktuelle Nestlé-Werbespot, den ich ertragen musste, als ich letztens bei meiner Schwester zu Gast war, ist so ein Fall. Ich konnte mich nicht zwischen Kopfschütteln und Kopf-auf-die-Tischplatte-knallen entscheiden. Am besten beides, oder vielleicht doch das Kabel aus der Buchse reißen und aus dem Fenster schmeißen? Mit jeder Sekunde wurde es schlimmer. Und schlimmer. Bis zur Unerträglichkeit.

 

Nestlé bemühe sich, meine Nahrung immer besser zu machen, wird mir da gesagt. Ja, Danke, Nestlé! Gut, dass ich eine so vertrauenswürdige Anlaufstelle habe, wenn sich Ernährungsfragen stellen. Wer wäre denn besser geeignet als der größte Lebensmittelkonzern der Welt, um mich neutral zu beraten?! Richtig, niemand. Schön, dass das mal geklärt wird.

Familie in schwarzweiß
Screenshot. Quelle: Video.

Der Gründer, ein selbstloser Held, Rächer der Armen, wollte Kindersterblichkeit bekämpfen, heißt es. Damit wird dann auch schon ein wichtiges Stichwort genannt, nämlich: Kindersterblichkeit.

,,Kindermehl wurde zum Welterfolg.“ informiert mich der Kommentator.

Naja, ganz so war das alles nicht. Vielleicht war das Milchpulver für Nestlé ein Erfolg. Für die Kinder selbst allerdings eher weniger. Es gab da mal so einen Skandal. Nestlé tötet Babies. So titelte eine Aktionsgruppe 1974 und beschrieb die Marketingpraktiken, die unter anderem darin bestanden, ungebildeten, armen Müttern von Nestlé bezahlte, als Krankenschwestern verkleidete Damen zur Seite zu stellen, die man wohl heute als Promoterinnen bezeichnen würde. Unter anderem wegen der hygienischen Bedingungen (unsauberes Wasser etc.) in so genannten Entwicklungsländern war das tödlich. Das sagten auch die Wissenschaftler*innen, sich damit beschäftigten. Hier ein direktes Zitat:

There is alarming evidence that the sales of infant formula is leading di-rectly to the infant deaths. [Quelle: D. Jelliffe, zitiert nach Wikipedia.]

Einfach mal ein bisschen informieren, dann erscheint dieses Milchpulver und sein Drumherum in einem etwas anderen Licht, um es vorsichtig auszudrücken. Nicht so konservativ: Schon damit ist die menschenfeindliche Vorgehensweise des Konzerns eigentlich ausreichend bewiesen.

Gut, okay, das war in den 70ern. Jede*r hat eine zweite Chance verdient, um dazuzulernen. Die hat Nestlé auch hervorragend genutzt und mit seinem widerwärtigen Vorgehen beim Ausschöpfen von Trinkwasserquellen erneut bewiesen, dass es ganz sicher keine menschenfreundliche Firmenpolitik verfolgt. Mal wieder leiden hier vor allem die Armen, denen plötzlich der Zugang zu Trinkwasser verwehrt wird und die dieses dann teuer abgefüllt kaufen müssen, nur um anschließend mit den Plastikflaschen die Weltmeere zu verseuchen. Auch das ist alles höchst problematisch, sodass bis jetzt schon zwei Dokumentarfilme darüber gedreht wurden: Abgefüllt (2009) und Bottled Life (2012). Außerdem hat auch der WDR eine online anschaubare Doku darüber gedreht, die ich ebenfalls empfehlen würde, um die Hintergründe besser nachvollziehen zu können: Das dreckige Geschäft mit dem Wasser der 3. Welt. Soviel also zur Wasserpolitik.

Verschiedene Produkte werden gezeigt, um mir die Großartigkeit von Nestlé zu verdeutlichen, eine breite, beeindruckende Palette. Vieles davon habe ich schon mal gegessen, manches davon war sogar lecker. Von den Frühstückszerealien über Smarties bis hin zum bekannten Nescafé, mein Lieblingskonzern lässt wirklich keine Wünsche unerfüllt. Nur am Rande sei hier erwähnt, dass es bei Kaffeebäuer*innen in Südamerika einen gebräuchlichen Ausspruch gibt, welcher da lautet: Nescafé no es café. (Spanisch: Nescafé ist kein Kaffee.) Damit ist zum Geschmack von Nescafé eigentlich auch schon alles gesagt, aber das soll ja jeder für sich entscheiden. Es wäre viel zu leicht, mich an dieser Stelle einfach nur darüber zu beschweren, dass die meisten Fertigprodukte eben schmecken wie, nun ja, Fertigprodukte. Die Bezeichnung aromatisch in diesem Zusammenhang ist zumindest ein wenig gewagt.

Maggi Spaghetti Bolognese
Screenshot, Quelle: Videospot.

Auch um meine ausgewogene Ernährung kümmert Nestlé sich. Manchmal habe ich Schwierigkeiten damit, bin zu faul zum Kochen, oder die Zeit ist knapp. Praktisch also, dass mir das nun abgenommen wird. Ich sagte ja schon, es bleibt kein Wunsch offen. Beispiel für ausgewogene Ernährung sind im Spot: Spaghetti Bolognese aus der Tüte. (!!) Ja. Das ist kein Scherz. In dieser Spaghettisauce sind laut meiner Recherche enthalten: Tomatenpulver (35,9%), Jodsalz, Reismehl (…). Immerhin ist vermutlich etwas mehr Gemüse enthalten als Salz. Das ist auch das einzig positive, was mir dazu einfällt. Von ausgewogen ist diese Sauce ungefähr so weit entfernt davon wie meine Küche von Timbuktu und das ist – ziemlich weit.

Steilvorlage folgt auf Steilvorlage, es ist ein bisschen so, als hätte der Konzern seine eigene Geschichte umgeschrieben, damit jemand mal die Chance hat, das alles zu zerlegen. Mach ich doch gerne. Also, ich zitiere den freundlichen Sprecher, der wahrscheinlich am wenigsten für dieses unsägliche Machwerk verantwortlich gemacht werden kann:

,,Deshalb verfolgen wir jedes Detail. Welche Zutaten wählen wir aus?

Ganz so genau haben sie die Details wohl nicht verfolgt, als sich 2013 halb Europa wegen der Pferdefleisch-Lasagnen gruselte. Mitten im Geschehen und ebenfalls betroffen: Buitoni-Produkte von, richtig, Nestlé!  Und so wurde auch gegen den Nestlé-Zulieferer Schypke ermittelt. Er soll gegen das Lebensmittelgesetz verstoßen haben. Tja.

Das alles reicht noch nicht? Ich empfehle die Liste, die es auf Wikipedia gibt, die alle Punkte zur Kritik an Nestlé zusammenfasst. Das sollte eigentlich den letzten kleinen Hoffnungsschimmer, dass an diesem Laden vielleicht unter Umständen irgendetwas toll sein könnte, ausräumen. Zu kritisieren gäbe es:

  • Babynahrung
  • Gentechnisch veränderte Zutaten
  • Kinderarbeit
  • Unfairer Handel
  • Tierversuche
  • Regenwaldzerstörung
  • Wasser
  • Pferdefleischskandal
  • Sonstiges

Sonstiges, das bedeutet übrigens unter anderem ermordete Gewerkschafter*innen.
Guten Appetit!

Hand in Kornähren
Screenshot. Quelle: Videospot.
Dieser Nestlé-Spot ist Greenwashing in seiner reinsten Form. Nestlé ist einer von ein paar  Konzernen mit zweifelhaften Praktiken, die die weltweiten Märkte in einem unvorstellbaren Ausmaß dominieren und damit den Menschen und der Umwelt schaden. Heutzutage ist es im Trend, nachhaltig zu sein und die Welt zu retten. Es ist verkaufsfördernd, denn wir, wir Verbraucher*innen, wir haben gerne das Gefühl, etwas Gutes zu tun, indem wir konsumieren. Wir mögen den Gedanken an sterbende Babies, Massentierhaltung oder die Wasserproblematik nicht. Wir wollen lieber mit einem Instantkaffee die Welt retten. Das haben mittlerweile auch die Marketingspezialisten bei Nestlé bemerkt und versuchen uns hier mit einigen (zugegeben ästhetischen) Kornähren und dem Druck auf die Tränendrüse (hach, Kinder!) vorzugaukeln, sie wären ökologisch und sozial vertretbar, oder, wie es heutzutage gerne heißt nachhaltig. Doch Nestlé ist eins ganz sicher nicht: nachhaltig. Daran kann auch ein schöner Werbespot zur Topsendezeit nichts ändern.
 
Meine Wut ist in diesen Zeilen gelandet und ich hoffe, dass sie zumindest ein paar Interessierte lesen. Auch schon mal so aufgeregt über eine Werbung? Es bleiben noch Fragen offen: Nestlé boykottieren? Und vor allem: wie viel besser sind schon all die anderen Konzerne? 

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(Nachtrag vom 01.07.2014: Wer sich weiter aufregen möchte, lese meinen zweiten Beitrag zum Thema Nestlé, der sich mit der Aktion #DeineFreiheit beschäftigt. )

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7 Kommentare

  • Gourmande sagt:

    Hahaha, unfassbar. Habe diesen Spot gerade zum ersten Mal gesehen und bin dabei fast vom Stuhl gefallen. Wie heuchlerisch ist das denn bitte?
    Sehr empfehlenswert im Zusammenhang ist auch die Doku „Schmutzige Schokolade“ (gibt es bei youtube).

    Habe deinen Artikel gleich mal über Facebook geteilt, schön recherchiert! :-)

    Ich boykottiere Nestlé übrigens. Und die anderen Großkonzerne wie zum Beispiel Coca-Cola, auch. (Also so gut es geht. Wenn ich irgendwo zu Besuch bin und die nur Kaffee von Nestlé haben, mach ich da auch kein Fass auf und schreie „nein nein, das trink ich nicht“.) Und mit Sicherheit kaufe ich auch mal ausversehen etwas, hinter dem ein Großkonzern steckt, die Verstrickungen sind da ja kaum überblickbar. (So geschehen zum Beispiel mit Ben&Jerry’s Eiscreme vor kurzem.) Aber niemand konsumiert „perfekt“ und aus solchen Fehlern lernt man ja auch,

    • Sabrina sagt:

      Ich danke dir für’s Teilen, dann hoffe ich mal, dass das ein paar Leute aufklärt, die das vielleicht noch nicht wussten! :) Schmutzige Schokolade kenne ich schon, bin selbst im fairen Handel aktiv. Ist aber wirklich sehr empfehlenswert und wichtig.

      Deine Vorgehensweise finde ich gut, so ähnlich mache ich es auch. :) Vermeiden, wo es geht. Aber leider geht es echt nicht immer. Ab und zu passiert es mir, dass ich etwas gekauft habe und dann hinterher bemerke, zu welchem Konzern es gehört. Und das ist dann kein Drama.

      Krass ist ja vor allem, dass inzwischen schon manche „grüne“ Marken mit nachhaltigem Image auf dem Markt von solchen Konzernen sind. Siehe Ben&Jerry’s, das wusste ich auch noch nicht!

    • Bianca N. sagt:

      Hallo Sab :-)

      „Gut, dass ich eine so vertrauenswürdige Anlaufstelle habe, wenn sich Ernährungsfragen stellen. Wer wäre denn besser geeignet als der größte Lebensmittelkonzern der Welt, um mich neutral zu beraten?! Richtig, niemand. Schön, dass das mal geklärt wird.“

      Ich grinse immer noch- sehr gut zusammen getragen und geschrieben!

      Ich versuche auch auf Basis meines Kenntnisstands zu boykottieren. Vor zwei Jahren las ich z.B. mal, das manchmal Schweineborsten genutzt werden, um Brotkrusten dunkler zu färben, das hat mich sehr schockiert. Auch, dass einige Orangensäfte Gelatine enthalten, um sie anzudicken, und manches ist nicht mal kennzeichnungspflichtig. Dabei wollte ich tierische Produkte vermeiden… Seit ca. zwei Jahren bemühe ich darum, Vieles selbst zu machen (z.B. einkochen, nähen), soweit es mir möglich ist.

      Ich habe Medienwirtschaft studiert, mich wundert marketingtechnisch fast nichts mehr. Oft denke ich darüber nach, welches Produkt mein Vertrauen verdient.

      Einen guten Start in die neue Woche und
      viele Grüße

      Bianca

    • Hallo.

      Ja, das mit den Schweineborsten im Brot finde ich auch echt nicht schön. Genau wie zum Beispiel Chips mit Rind u.ä. Da gibt’s so viele Fälle. :/

      Selbst machen ist natürlich eine schöne Alternative, aber da hat ja auch nicht jede*r immer Zeit und Lust dazu.

      Eine perfekte Lösung gibt’s wohl nicht. Bzw. liegt es, wie ich denke, nicht immer nur am einzelnen Verbraucher*in…

      Ich wünsche ebenfalls einen guten Wochenstart!

  • Wow, da weiß ich gar nicht, was ich dazu sagen soll – ich bin auf jeden Fall immer noch am grinsen von deinem tollen Artikel dazu. :-) Danke!

  • Dreamcatcher sagt:

    Du sprichst mir so was von aus der Seele. Hab den Werbespot gesehen und musste mich schwer zusammenreißen um nicht vollkommen auszurasten. Vor allem bei dem Satz „Kindermehl wurde zum Welterfolg“, aber auch generell, wie sie sich als Weltretter und nachhaltigen Konzern darstellen. Ich dachte ernsthaft, die wollen mich verarschen -.-

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