Lesestunde: über Kaffee und auch über Kapitalismus
Wenn das mit der großen Karriere  oder auch nur einer Festanstellung als Soziologin nicht so klappen sollte, eröffne ich einfach ein kleines Café. Dort gibt es die ausgefallensten veganen Cupcakekreationen. Und den besten Kaffee der Welt (biofair), mit künstlerischer Latte Art serviert. Außerdem natürlich Zeitschriften, besser als mein Lieblingsbuch. Die nettesten Menschen der Stadt chillen den ganzen Tag in meinem gemütlichen Laden, geben viel Trinkgeld, während ich ab und zu mal einen Salat serviere und ansonsten selbst den Tag genieße und dabei reich werde. So oder ähnlich sind die Träume, denen ich mich ab und zu gerne hingebe. Und ich bin damit nicht allein: Mindestens die Hälfte meines Freund*innenkreises teilt diese schöngefärbte Wunschvorstellung. Ich habe schon mit einer Freundin potentielle Gewerbeflächen in Augenschein genommen und mit einer anderen die Raumaufteilung festgelegt. Ich arbeite an meinem Fundus an Rezepten. Ob dieses wunderbare Café jemald geben wird, weiß ich aber nicht. In Wirklichkeit ist Gastronomie harte Arbeit und in der Realität habe ich auch keine 100.000 Euro Kapital, um mal eben einen Betrieb zu gründen. Aber die Vorstellung macht Spaß und Cafés sind schön. Also habe ich vor einiger Zeit Vanessa Kullmanns Erfahrungsbericht Keine große Sache gelesen, in dem die gebürtige Hamburgerin von der Gründung der einigen vielleicht bekannten Cafékette Balzac berichtet.
Lesestunde: Schwarzweißphoto von einem Buch mit Lesezeichen und Schrift "Lesestunde"
Alles beginnt in New York. Die dortigen hippen Coffee Shops gefallen der Praktikantin Vanessa und die Studentin beschließt kurzerhand, dieses Konzept nach Deutschland zu importieren. Sie beginnt, Details zu recherchieren und unzählige Cafés zu besuchen. Sie vergleicht Einrichtungen, Maschinen, die fixe Idee wird zu einem ernsthafteren Vorhaben und sie holt ihre Eltern mit ins Boot. Irgendwann ist sie an einem Punkt, an dem sie das Praktikum beendet, sich wieder nach Hamburg begibt und dort mit den Vorbereitungen beginnt: Aus der Idee wird ein handfester Plan. Wir Leser*innen begleiten die Autorin bei ihrer Reise durch deutsche Behörden und zu Kaffeemessen und all dem anderen, was so anfällt, wenn ein Betrieb eröffnet werden soll. So weit so gut. Der Schreibstil gefällt mir zwar nicht besonders, er wirkt so nüchtern und distanziert, irgendwie langweilig, doch immerhin ist es inhaltlich zumindest so interessant, dass ich bis hierhin weiterlese. Dank der einfachen Sprache liest es sich auch wirklich schnell weg. Ein durchwachsenes Urteil also.
Weiter geht es: Vanessa Kullmann muss Mitarbeiter*innen finden, einen Raum anmieten, einen Anbieter für Pappbecher finden usw. usf.  Chronologisch folgen wir ihr bis zum Tag der Eröffnung ihres Coffee Shops. Es ist ganz nett, über die eine oder andere Anekdote muss ich sogar schmunzeln, dennnoch: So richtig warm werde ich mit diesem Buch nicht. Vielleicht liegt das daran, dass es, wie ich nach dem Lesen bemerkte, auch als eine Art Erfahrungsbericht für Existenzgründer*innen verkauft wird. Ab und zu schleicht sich dieser künstliche Managersprech ein und es werden eben immer wieder die betriebswirtschaftliche Seite an Stellen betont, an denen ich lieber mehr über Menschen und Hintergründe gelesen hätte. Seien wir mal ehrlich: Bei dem Traum vom eigenen Café träumen wir eher selten von eigenen Rechnungen und eigenen Behördengängen, oder?
Trotzdem lese ich weiter, denn es interessiert mich schon irgendwie, wie es weitergeht, immer mal wieder gibt es nettes Erzählungen. Zum Beispiel war mir nicht bewusst, dass Kaffee aus Pappbechern erst seit ein paar Jahren das Straßenbild (und die Mülltonnen) bestimmt. Ich kann mich schlicht und einfach nicht mehr daran erinnern, dass es mal anders war. Doch in den letzten Kapiteln kommt der Punkt, an dem ich wirklich aussteige: Wird am Anfang noch vergleichsweis es detailliert darauf eingegangen, wie das so lief mit den Cafés, so geht es in den späteren Kapiteln plötzlich Schlag auf Schlag: Eine zweite Filiale wird eröffnet, und eine dritte. Balzac expandiert in andere Städte und die Gründerin merkt, dass sie damit zu schnell war und überarbeitet ist. Wirklich unverständlich wird mir das alles vor allem deswegen, weil das Eröffnen eines zweiten Cafés schlicht als logische Konsequenz erfolgt. Das erste läuft ganz gut, also kommt ein zweites. Auch dieses Café trägt sich, also wird ein drittes eröffnet etc. Warum, wenn es für die Gründerin und Geschäftsführerin doch anscheinend nur Stress bedeutet und sie schreibt, dass sie die familiäre Atmosphäre vermisst? Vorher wird jeder kleine Schritt beschrieben und plötzlich fehlen die Begründungen und es geht nur noch darum, ein großes überregionales Unternehmen aufzubauen. Das ist sehr kapitalistisch, obwohl die Probleme, die mit dieser Expansion entstehen, sogar erkannt werden. Es stört mich, dass das Eröffnen neuer Cafés allen Leser*innen hier als unhinterfragte Norm angeboten wird. Kapitalvermehrung wird hier implizit als das Nonplusultra dargestellt, anders kann ich mir das nicht erklären. Das verdiente Geld investieren, um noch mehr Geld zu verdienen, das dann wieder investiert wird. Mein Widerwillen war so groß, dass ich das Buch zwar noch zu Ende las, nun aber dennnoch eher weniger begeistert bin.
Da ich (Schnellleserin) nur zwei Stunden gebraucht habe, um alles durchzulesen, würde ich diese Zeit zwar nicht als verlorene Zeit bezeichnen, aber trotzdem ist das hier definitiv kein Buch, das mich überzeugt hat. Der Spagat zwischen Biographie und BWL-Ratgeber gelingt nicht so ganz. Um ein wirklich sinnvoller Ratgeber zu sein, müsste es viel detailliertere Informationen zur Gründung eines Gastronomieunternehmens geben; um ein wirklich unterhaltsamer Erfahrungsbericht zu sein, müsste die Autorin noch persönlicher werden und einen stilistisch schöneren Text schreiben. Trotzdem ist dieses Buch geeignet, um einfach mal zu erfahren, wie es so ist, ein Café zu eröffnen. Für mich war es zu viel Wirtschaft, vor allem zu viel unhinterfragte Wirtschaft doch für andere muss das ja nicht unbedingt etwas negatives sein. Es ist ist nur meine persönliche Meinung als wahrscheinlich recht kritisch denkender Mensch, der solche Dinge schlecht ignorieren kann. Ich hoffe, ich entdecke noch bessere Bücher zu dem Thema.
Kaffeetassen auf kleinem Tisch im Café. (Straße im Hintergrund.)
Lieblingsgetränk (Kaffee) mit Lieblingsmenschen in meinem Lieblingsstadtviertel. Zufällig sogar bei Balzac.

Kennt ihr Bücher, die mir gefallen könnten und die inhaltlich ähnliche Theme behandeln? Sind meine Freund*innen und ich die einzigen mit dem Traum von einem kleinen Café? Was ist dein alternativer Traumberuf, wenn du einen hast? Und zum Schluss: Wer will das Buch lesen? Da es mir, wie gesagt, nicht so supergut gefiel, würde ich meine Ausgabe verschenken, wenn sich jemand meldet. :) (z.B. über Follow @sabrinaschreibt oder als Kommentar unter diesem Beitrag oder per Mail.)

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