Ist das hier ein Fantasyfilm?
Es ist schon länger als ein halbes Jahr, dass ich einige Wochen in Israel verbracht habe. Wenn ich mit meinen Lernzetteln in meiner zugigen Hamburger Wohnung sitze und mich an diese Tage im vergangenen Mai erinnere, erscheint es mir fast, als hätte ich die Reise nur geträumt: der Nahe Osten ist weit weg, sieben Monate sind lange her. 210 Tage und 5700km auf dem Landweg trennen mich von meinen damaligen Erfahrungen. Doch die kleinen, rührenden Details, die Begegnungen, die man sich so einfach nicht ausdenken könnte, die in meinem Gedächtnis verblieben sind, zeigen mir, dass ich all diese Dinge wirklich erlebt habe. Auch die zahlreichen Fotos legen Zeugnis davon ab, dass, und vor allem, wie ich all die Orte und Situationen wahrgenommen habe.
Nach sorglos verbrachten Sonnentagen am Tel Aviver Strand, Milchshakes und einigen Familienbesuchen beschließen mein Freund und ich, etwas neues zu wagen: Wir wollen einen Tag lang an der Küste entlangwandern, die Natur genießen und mehr sehen von diesem schönen, so umkämpften Fleckchen Erde.
Wir beginnen unser kleines Abenteuer mit wenig Gepäck: Mehrere Wasserflaschen, die Telefonnummer der Bekannten, die uns in ihrer Wohnung schlafen lässt, Wechselshirts und Sonnenbrillen sind alles, was wir mit uns tragen. Eine Karte haben wir nicht dabei, doch das wird auch gar nicht nötig sein, denn es gibt ein landesweites angeblich gut gekennzeichnetes Netz aus Wanderwegen, aus dem wir uns eine Tagesetappe ausgesucht haben.
Am Abend wollen wir in Haifa sein, um dort ein paar Tage zu verbringen und die Stadt zu erkunden, doch nun stehen erst mal körperliche Anstrengung auf dem Programm und mehr als 30°C auf dem Thermometer. Diese Kombination ist etwas ungewohnt für zwei Hamburger Stadtmenschen, die ganze 100m von einer U-Bahnstation entfernt wohnen und sich die wirklich warmen Tage auch schon mal im Kalender aufschreiben, um sich später daran zu erinnern, dass es ihn wirklich gab, den Hamburger Sommer. An ein paar gelangweilten Schülern vorbei starten wir in Chucks, voller Tatendrang und mit Meerblick in die Ungewissheit das Wanderpfades.

Trinkpause, laufen, schweigen, sich den Schweiß von der Stirn wischen, laufen, die blühenden Pflanzen fotografieren, laufen, die nächste Wegmarke suchen, trinken, weiterlaufen, stets umgeben von einer wirklich fotografierenswerten Landschaft. Schnell ergibt sich ein Rhythmus, der allerdings immer wieder unterbrochen wird von unseren Klagen über die Hitze, die mit den nach und nach verschwindenden Wolken und fortschreitender Tageszeit zunehmend unerbittlicher wird und die wahrscheinlich der Grund dafür sein dürften, dass uns kaum Menschen begegnen.
Und dann kommt der Moment, der für den Sonnenbrand entschädigt. Der Augenblick, in dem die Schuhe, die nie wieder ganz staubfrei sein werden, genau so wenig zählen wie die Mückenstiche, die ich noch zwei Wochen später spüren werde. Die Ich könnte gerade mit einem guten Roman am Strand liegen-Gedanken verschwinden, als ein riesiger Rabe (oder war es eine Krähe?) auf einem verdorrten Baum niederlässt. Ist das hier ein Fantasyfilm?, frage ich mich, während sich nun auch noch der Himmel dramatisch verdunkelt. Es würde mich nicht wundern, wenn nun ein Troll oder ein Zeitreisender irgendwoher erschiene. Der Rabe wartet. Fliegt ein Stück weiter, wartet wieder. Wenn die Hitze nicht wäre, würde ich nun denken, dass ich als Brandon Stark mitten in einer Folge Game of Thrones gelandet bin, obwohl wir gerade 35° C haben. Es dauert lange, bis der Rabe endgültig Richtung Meer verschwindet und wir staunend wieder dem Pfad folgen. Was für ein Tier!
Was folgte, ist dagegen eher farblos, eher ein normaler Reisebericht, eher nur Stichworte wert, vielleicht auch, weil mein Gedächtnis mich ein Stück weit im Stich lässt:
  • Sich plötzlich auf einem Golfplatz wiederfinden, umgeben von freundlichen Golfer*innen, die uns eine Mitfahrgelegenheit anbieten; Mitfahrgelegenheit ablehnen, der Ehrgeiz: die vorgegebene Strecke wollen wir schon gerne kraft unserer eigenen Beine schaffen.
  • Haifa fasziniert mich mit dem Aufbau am Berg, eine treppenförmig aufgebaute Stadt, in der Mitte die Bahaigärten, irgendwie mystisch, irgendwie schön.
  • Es beginnt gerade der Shabbat, als wir ankommen. In Haifa ist es am Shabbat noch viel ruhiger als in Tel Aviv. Leider fahren auch kaum Busse
  • Es ist schwierig, Vollkornbrot finden; dafür gibt es aber jede Gemüsesorte auch in einer Miniaturzüchtung. Minigurken. Minipaprika. Mini.
  • Ein Barbesitzer gibt uns einen Espresso aus. Was für ein guter Start in Haifa.
 
Wandern werde ich wieder. Wandern und dabei neues sehen. Hoffentlich auch drüber schreiben. Nächstes Mal schreibe zeitnah und nicht erst ein Dreivierteljahr später. Jetzt gerade realisiere ich, dass ich vieles von dem, was nach der Wanderung passierte, nicht mehr erinnere, da sind nur noch Bruchstücke, das, was ich zu Beginn als die Details bezeichnete, außerdem ein paar Fotos. Und so endet dieser Bericht wenig zufriedenstellend mit der Erkenntnis, dass ich gar nicht mehr genau weiß, was nach der Wanderung noch kam. Meine Reisegeschichte hat genau so wenig eine rundes Ende, wie es meine Erinnerungen haben und das ist bedauerlich.
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